Geschichte

Die einstige Wallfahrtkirche St. Salvator im Steinbachwald

 

Die Entstehungsgeschichte der Wallfahrt ist bei verschiedenen Gelegenheiten überliefert. Eine der ältesten Nachrichten vom Ursprung findet sich im Bericht über die Visitation der Pfarrei Rauenzell am 12. Juli 1601, den der Eichstätter Generalvikar Vitus Priefer verfasst hat.

 

Priefer vermerkt, dass seine Informationen schriftlich überliefert sind. Hier wird eine Übersetzung des Prieferschen Textes aus dem Pastoralblatt 1857 wiedergegeben:

„Zur Zeit als Berthold Bischof von Eichstätt war, (1351-1365) und Heinrich von Hirnheim erster Pfarrer in Burgoberbach (wohin damals noch Rauenzell als Filiale gehörte), geschah es am hl. Karfreitag, dass nach Ausspendung der hl. Kommunion in der Kirche von Rauenzell, eine adelige Jungfrau von Neuses, bei Burgoberbach, die mit ihrer Mutter ebenfalls kommuniziert hatte die hl. Hostie, unbekannt warum, aus dem Munde nahm und verbarg. Bei der Rückkehr nach Hause aber wurde die hl. Hostie immer schwerer und die Jungfrau war genötigt, sie an dem Waldplatze, wo späterhin in der Kirche eine kreisrunde Öffnung sich befand, fallen zu lassen. Sie wollte zwar dieselbe alsbald wieder aufheben oder wenigstens verdecken, allein die Vorübergehenden duldeten das nicht und meldeten den Vorfall dem Pfarrer, der inzwischen mit seinem Hilfspriester nachgekommen war. Er versuchte, mit aller Ehrfurcht das hl. Sakrament zu erheben, vermochte aber nicht, es zu tun und berichtete nun an den Bischof von Eichstätt, der seinen Weihbischof zur Erhebung der hl. Hostie abordnete. Der Suffragan erschien in Prozession mit dem ganzen Klerus von Herrieden und den Pfarrern von Burgoberbach, Großenried, Aurach, Neunstetten und ihren Pfarrgemeinden, hob die hl. Hostie auf, legten sie in ein Kristallgefäß und setzte sie mit einigen anderen Reliquien in der Kirche zu Rauenzell bei. Es war Ostermontag. Man baute eine hölzerne Kapelle über dem Ort, wo die hl. Hostie gelegen hatte, mit der Zeit erhob sich ein Altar und in diesem wurde das Heiligtum verschlossen.“

 

St. Salvator im Wald Steinbach bei Rauenzell gehört zu den zahlreichen Hostien- wallfahrten, die im Spätmittelalter entstehen. Theologischer Hintergrund ist die Diskussion um die Gegenwart Christi in den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein. Die Hostienmirakel spiegeln zeitgenössische Eucharistievorstellungen von Volk und Klerus.

 

Die Rauenzeller Wallfahrt blieb seit ihrer Entstehung bis zu ihrer gewaltsamen Unterdrückung durch die bayrischen Behörden am Beginn des 19. Jahrhunderts ununterbrochen bestehen. In welchem Maße die Wallfahrt aber zu den einzelnen Zeiten blühte, hing vom geistig-religiösen Umfeld, aber auch von den äußeren Faktoren ab, wie dem Eifer der Seelsorger oder der Bedrohung der Bevölkerung durch feindliche Heere.

 

Die älteste Kapelle, die am Fundort der wundertätigen Hostie im Wald bei Rauenzell gebaut wurde, war aus Holz. Als der Eichstätter Weihbischof Seifried (1397-1407) zu Steinbach eine Kapelle konsekrierte, war an die Stelle des hölzernen Bauwerks bereits eine aus Stein getreten. Am Ende des 14. Jahrhunderts hatte die Kapelle wahrscheinlich bereits jene bauliche Gestalt erhalten, die sie bis in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts beibehielt. Eine gute Vorstellung von Kirche und Wallfahrtsbetrieb kann man aus dem Visitationsbericht 1601 gewinnen. Die Kapelle besaß vier Altäre. Der Hochaltar war dem hl. Kreuz geweiht, die Nebenaltäre dem hl. Jakob, dem hl. Willibald und der Gottesmutter. Das Hauptziel der Wallfahrer war jener Ort, an dem der Tradition nach 1353, die entführte konsekrierte Hostie aufgefunden worden war. Hier war der Boden mit einer steinernen Platte bedeckt. Die den mittelalterlichen Grabsteinen von adeligen Standespersonen glich. Geschmückt war sie mit einem Relief des im Grabe liegenden Jesus – ein deutlichen Bekenntnis zur Realpräsenz Christi in der Hostie. Mit dem heiligen Ort verbanden sich in Steinbach verschiedene Bräuche: Die frommen Besucher der Kirche krochen unter der Steinplatte durch, im Glauben dadurch vor Fieber bewahrt zu werden. Manche entnahmen aus der Fundstelle der Hostie das Erdreich und trugen es als heilbringendes Wallfahrtsandenken mit nach Hause.

Zeichen für die zahlreichen Wohltaten, die die Wallfahrer an dieser hl. Stätte erlangten, waren die Votivbilder und Votivgaben, mit denen die Wände der Kirche geschmückt waren. Von 1654 bis 1758 wurden die Berichte von Wundertaten in einem Buch gesammelt. Die Dankbarkeit vieler Wallfahrer zeigte sich auch in Geld- und Naturaliengeschenke, die sie in Steinbach zurückließen.

 

In den Jahren 1764 bis 1768 wurde die Kapelle unter der Bauleitung des Eichstätter Hofbaudirektors Mauritio Pedetti erweitert und umgebaut. Dass dabei eine Beseitigung der „Grabanlage“ in Erwägung gezogen und nur durch den Einspruch des Pfarrers verhindert wurde, zeit, dass mittlerweile rationalistisches Gedankengut Verbreitung gefunden hatte. Vielen „aufgeklärten“ Geistern galt der barocke Wallfahrtsbetrieb, wie er in der Salvatorkapelle praktiziert wurde, als Unfug, der abgestellt werden müsste.

Nach der Säkularisation 1802/03 hatte Rauenzell einen neuen Landesherrn erhalten: den König von Bayern. Als der Rauenzeller Pfarrer entgegen den königlichen Verordnungen das Speerfest in St. Salvator im Frühjahr 1807 in herkömmlicher Weise feierlich beging, wurde er von der Regierung nicht nur dafür scharf getadelt, sondern gleichzeitig von dem Beschluss unterrichtet, dass die „ganz entbehrliche und unnötige Feldkapelle“ geschlossen und abgerissen werden sollte. Eingabe des Ordinariats und der Pfarrei, mit denen sie die Wallfahrtskirche retten wollten, blieben unerhört. Auch der aktive Widerstand der Rauenzeller gegen die Abbruchmaßnahmen und den Verkauf des Kircheninventars erlahmte nach kurzer Zeit angesichts der Überlegenheit der Staatsmacht.

Aus der ehemaligen Wallfahrtskirche haben sich heute in der Pfarrkirche Rauenzell eine Bildtafel mit einer Darstellung der Gründungsgeschichte der Wallfahrt und ein Steinrelief des im Grabe liegenden Christus erhalten. Letzteres sollte nach dem Willen der bayrischen Behörden auf den Dachboden der Pfarrkirche geschafft werden, doch statische Probleme machten diese Lösung unmöglich.

Steinbach zählte zu den bestfrequentierten Wallfahrtsorten der Diözese Eichstätt. Seine Bedeutung fand äußerlich eine Ausprägung in der von Mauritio Pedetti erbauten Kirche. Die im Diözesanarchiv Eichstätt erhaltenen Baupläne vermitteln noch einen Eindruck von der Größe dieser untergegangenen Kirche.

Bruno Lengenfelder

Das Speerfest erhielt seinen Namen und Bedeutung von der so genannten Heilige Lanze, die die Seite Christi durchbohrte. Begleitet von vielen Legenden gelangte sie über Konstantinopel ins Heilige Römische Reich des Mittelalters. Hier zählte sie zu den Reichskleinodien und spielte auch bei der Kaiserkrönung und als Heiltum in Schlachten eine Rolle. 1353 führte Papst Innocenz VI. für Deutschland und Böhmen das Fest der Waffen Christi, also das Speerfest, ein.

 

Seit dem Jahr 1393 wird die Kapelle im Steinbachwald eifrig vom christlichen Volk besucht. Besonders an den Quatemberfreitagen und am Speerfest.

 

Das Speerfest wurde immer am zweiten Freitag nach Ostern abgehalten und war ein vorgeschriebener Festtag. An diesem Tag hofften alle Besucher auf Wunder, Erhörung und Hilfe.  Wurde jemandem geholfen, hielt man dies im Mirakelbuch fest. Rauenzell verzeichnete an seinem Hauptfest immer über 3000 Besucher, worunter auch Protestanten waren. Laut Chronik „lauschten die Andersgläubigen den Predigten mit mehr Andacht als die Katholischen“. Die Wallfahrer kamen aus Kallert, Herrieden, Roth, Gnotzheim, Cronheim, Virnsberg, Weißenburg, Nürnberg und Ulm und folgende Pfarreien unternahmen sogar Prozessionen nach Rauenzell: Herrieden, Neunstetten, Elbersroth, Großenried, Arberg, Lellenfeld, Ornbau, Eschenbach, Burgoberbach und Cronheim.

 

Als Hauptfest beinhaltete das Speerfest das vom Herrieder Pfarrer gehaltene Amt, die Predigt und eine Vesper. Ein Herrieder Musiker sorgte mit einem Chor für die musikalische Umrahmung. Damit alle Besucher teilnehmen konnten, wurden nach dem Amt noch zwei Messen gehalten.

 

Außerdem berichtete Generalvikar Priefer folgendes:

            „Am Speerfest bringen die Gläubigen sehr viele Opfer an Wachs, Schmalz, Getreide, Hühnern und Schleiern, die sogleich unterm Gottesdienst in der Sakristei mit großem Lärm verkauft werden, sowohl an Katholische wie Andersgläubige (…)“

            Am Speerfest fand auch ein Jahrmarkt statt, an dem Kaufbuden aufgestellt wurden. Das Speerfest verursachte natürlich auch Kosten. Jeder Pfarrer bekam vom Kaiser 37 Kreuzer und 2 Pfennige, wenn er eine Prozession zu St. Salvator machte. Die Helfer musste der Pfarrer selbst bezahlen, sowie den Opfer- und Messwein. Man gab jedem Armen einen Kreuzer und den Heiligenpflegern zwei Gulden für die Nachtwache. Insgesamt betrugen die Ausgaben 48 Gulden. (Zum Vergleich: eine Kuh kostete 8 Gulden, ein Ochse~16 Gulden, ein Haus~200 Gulden)

 

Am 27. Februar 1807 wurde das Speerfest von der Domänenkammer Ansbach verboten (heute wäre das die staatliche Verwaltung). Doch den Anordnungen der Obrigkeit zum Trotz celebrierte der Pfarrer von Aurach am 13.April 1807 mit den Bürgern aus Rauenzell den Feiertag in gewohnter Festlichkeit.

Dadurch zogen die Rauenzeller den Ärger der Obrigkeit auf sich. Und es wurde erlassen, die Kirche auszuräumen. Das wollte die Dorfbevölkerung verhindern und drohte den Arbeitern mit ihrem Handwerkszeug, wenn sie ihrer Anordnung Folge leisten sollten.

Auf Grund dieses Widerstands erging der Befehl, das Dach abzutragen und die Mauer verfallen zu lassen. Unter Androhung von militärischer Gewalt musste nun der Abriss akzeptiert werden und bald wurden auch die Steine der Mauer verkauft. Der gesamte Platz wurde bereinigt. Nach neusten Erkenntnissen wurde kleiner Schutt in den Brunnen geschüttet und dieser somit verfüllt.

Christiane Vogl